Algerien-Forscher Pierre Bourdieu über die algerische Ursprungskultur „Die nicht auf Effizienz, sondern auf Subsistenz ausgerichtete Lebensweise der algerischen Ureinwohner, so Bourdieu, kannte kein „Pressiert-Sein und Sich-Überstürzen“. Ein Mensch, der sich „unüberlegt in Handlungen stürzt, der pausenlos redet, der seine Arbeit schnell verrichtet, dass er Gefahr läuft, die Erde zu misshandeln, der ungeduldig, unersättlich und gierig Ist und das Maß nicht zu halten weiß“ galt in dieser Kultur als dumm. Gewandtheit, Geschicklichkeit, Schlauheit, Berechnung und List waren Todsünden , denen man eine Tugendlehre entgegenstellte, die niya genannt wurde und Unschuld, Naivität, Schlichtheit und Redlichkeit umfasste. Wer dieser Lehre folgte, beherrschte die Kunst, die Bedürf- nisse zu mäßigen, Nüchternheit walten zu lassen und die Gier zu zügeln. Er stellte nur solche Beziehungen her, die auf Vertrauen beruhten, beschäftigte sich nur mit Dingen, die sein unmittelbares Leben berührten. Er hatte ein persönliches Verhältnis zu seinen Tieren und zu seinem Boden, wurde nicht von dem Ehrgeiz getrieben, auf die Zukunft Einfluss nehmen oder die Welt durch Arbeit verändern zu müssen. Ihm genügte es, die unmittelbaren Bedürfnisse zu befriedigen und sich der Natur anzupassen, statt sie zu unterwerfen.


Ob wahr oder gut erfunden – das ist das orientalische Erbe, aus dem Camus den Bauplan für sein Ideal der Einfachheit bezieht. Es sind solche Bilder, die ihm vorschweben werden, wenn er die westliche Welt durch das „mittelmeerische Denken“ von ihren Fortschrittsideologien befreien möchte.

1. Iris Radisch in „CAMUS - Das Ideal der Einfachheit --- Eine Biographie“ rowolt 2013 Seite 50
2. Pierre Bourdieu, Algerische Skizzen, Frankfurt/M. 2010, Seite 116